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Verbundprojekt Historische Innovationsforschung: Indikatorenbasis zur Innovationstätigkeit in Deutschland

Aufgabenstellung

In dieser Explorationsstudie geht es darum auszuloten, welche Indikatorenbasis für eine spätere breit angelegte Studie „Der Beitrag des Staates zur Forschung und Entwicklung in Deutschland seit der Reichsgründung“ zur Verfügung steht bzw. mit einem vertretbaren Aufwand verfügbar gemacht werden kann. Die theoretische Grundlage sind dabei die funktionalen Modelle des FuE-Prozesses, wie sie dem heutigen Stand der Innovationsforschung entsprechen. Zu fragen ist, ob diese Modelle auch im historischen Kontext tragen und wie sie ggf. modifiziert werden müssen. Alsdann ist vor diesem Hintergrund zu prüfen, welche Indikatoren Zeitraum überdauernd verwendet werden können, welche Datenbestände vorliegen, wie sehr sich unterschiedliche Abgrenzungen qualitativ und quantitativ auswirken und ob, ggf. in welchen Fällen, es machbar erscheint, in einer darauf folgenden Hauptstudie die bestehenden Daten umzuschlüsseln, Daten nachzutragen oder aus Rudimenten zu rekonstruieren. Festgestellt werden muss aber auch, auf welche heute gebräuchlichen Indikatoren für historische Zeiträume wohl auch weiterhin verzichtet werden muss.

Es gelingt, die Entwicklung der Wissenschaftsausgaben bezogen auf die Gesamtausgaben der öffentlichen Haushalte für den ganzen Zeitraum zusammenzustellen. Auch der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung lässt sich rekonstruieren. Dabei zeigt sich, dass die staatliche Alimentierung von Forschung und Entwicklung eine typische Angelegenheit von Nachkriegsdeutschland ist.

Die Entwicklung der wissenschaftlichen Tätigkeit anhand der Publikationsstatistik lässt sich nur für das 20. Jahrhundert nachzeichnen, während die Patentstatistik sogar bis 1812 zurück rekonstruiert werden kann. Es ergibt sich, dass die Wissenschaftstätigkeit im gesamten Betrachtungszeitraum mit konstanter Rate gewachsen ist, wobei drei säkulare Zeitabschnitte unterschieden werden können. Hingegen zeigt die Erfindungstätigkeit, die im Wesentlichen in den Unternehmen stattfindet und einem ökonomischen Kalkül unterliegt, dass die Phase exponentiellen Wachstums vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen war. Seitdem lassen sich erklärbare Zyklen auf etwa demselben Niveau feststellen.

Viele der auf der nationalen Ebene entwickelten Indikatoren können auch im Falle der Sektorstudien Chemie und Elektrotechnik recherchiert werden. Auf diese Weise lässt sich eine stark bzw. schwach ausgeprägte Pfadabhängigkeit in Chemie bzw. Elektrotechnik zeigen, also durchaus unterschiedliche Entwicklungsmuster.

Mit dem vorgelegten Kranz von Indikatoren auf nationaler bzw. sektoraler Ebene entsteht ein dichtes Bild zum Umfang und zu den Inhalten der Innovationstätigkeit in den letzten mehr als 100 Jahren in Deutschland. Damit hat sich die empirische Basis für den an innovations- und wirtschaftsgeschichtlichen Fragen interessierten Ökonomen in den letzten Jahren doch sehr verbreitert, so dass keine gravierende Empirielücke behauptet werden kann. Zwar trifft es zu, dass viele Fragen, welche die evolutorische Theorie aufgeworfen hat, momentan empirisch nicht bearbeitet werden können. Gleichzeitig ist jedoch das Umgekehrte ebenso richtig: Es liegen strukturentdeckende empirische Befunde vor, die von theoretischer Seite aufgegriffen und zur Fortentwicklung des Theoriegebäudes fruchtbar gemacht werden können.

Status

abgeschlossen  (08/1999 – 09/2001)

Auftraggeber

BMBF

Partner

Deutsches Museum, Humboldt-Universität Berlin, TU München, GESIS: Datenarchiv für Sozialwissenschaften, TU Freiberg, TU Dresden

Publikationen

  • Grupp, Hariolf, Iciar Dominguez-Lacasa, Monika Friedrich-Nishio, Michael Friedewald, Gerhard Jaeckel, and Ulrich Schmoch, Das deutsche Innovationssystem seit der Reichsgründung. Indikatoren einer nationalen Wissenschafts- und Technikgeschichte in unterschiedlichen Regierungs- und Gebietsstrukturen, Physica, Heidelberg, 2002.
  • Grupp, Hariolf, Iciar Dominguez-Lacasa, and Monika Friedrich-Nishio, „The national German innovation system. Its development in different governmental and territorial structures“, in L.V. Shavinina (ed.), The international handbook on innovation, Elsevier, Amsterdam, 2003.
  • Grupp, Hariolf, Iciar Dominguez-Lacasa, Monika Friedrich-Nishio, and Andre Jungmittag, „Innovation and growth in Germany over the past 150 years“, in U. Cantner (ed.), Entrepreneurship, the new economy and public policy : Schumpeterian perspectives, Springer, Berlin, 2005.
  • Grupp, Hariolf, Iciar Dominguez-Lacasa, and Monika Friedrich-Nishio, „The national german innovation system – its development in different governmental and territorial structures“, in K.  Dopfer (ed.), Economics, evolution and the state : The governance of complexity, Edward Elgar, Cheltenham, 2005.
  • Grupp, Hariolf, Iciar Dominguez-Lacasa, and Monika Friedrich-Nishio, „Deutsche Innovationsgeschichte seit der Reichsgründung – eine kliometrische Perspektive“, in K. Dopfer (ed.), Evolutorische Wirtschaftspolitik – Grundlagen und Anwendungsmodelle : Auswahl von Beiträgen der Jahrestagung des Ausschusses Evolutorische Ökonomik des Vereins für Socialpolitik, Duncker und Humblot, Berlin, 2004, pp. 149-182.